Unser Weihnachtswichtel aus Münster

Lampert, das Ludgeri-Kaninchen

Kittel und Kiepe wie die Kiepenkerle, eine alte Fahrradlampe an der Mütze und kleine Stiefel, die Spuren im Schnee hinterlassen: Lampert wohnt in einem Bau an der Promenade am Ludgeriplatz. Bis Weihnachten ist er in der ganzen Stadt unterwegs, und auf unseren Weihnachtsseiten versteckt er sich jeden Tag woanders.

Lampert, ein Kaninchen in blauem Kittel mit rotem Halstuch und Kiepe voller Geschenke, geht durch den Schnee am Prinzipalmarkt, das Licht seiner Mützenlampe fällt auf die Giebel

Seine Geschichte

Als Hörspiel · 5:20 Minuten

Erzählt mit Jales Stimme, die Figuren mit weiteren Stimmen, Musik und Geräusche: alles mit KI erzeugt.

Wer abends über die Promenade am Ludgeriplatz radelt, sieht sie im Gras sitzen: Kaninchen, Dutzende. Die meisten Münsteraner fahren einfach vorbei. Ein Kaninchen aber ist älter als alle anderen. Und wer seine Geschichte hören will, muss weit zurückgehen. In eine Zeit, als noch Pferdewagen über die Promenade rumpelten, die Fahrräder schwarz und schwer waren und es im Winter sehr viel Schnee gab.

Weiterlesen

Damals zogen die Kiepenkerle durchs Münsterland. Sie trugen große Körbe auf dem Rücken, die Kiepen, und darin alles, was man auf den Höfen brauchte: Garn und Knöpfe, Nadeln und Pfeifen, Kalender und Neuigkeiten aus der Stadt. Einer von ihnen kam jeden Winter nach Münster. Er hatte einen blauen Kittel, ein rotes Halstuch und einen weißen Bart, und er machte immer an derselben Stelle Rast: auf einem großen Stein am Ludgeritor.

Dort saß an einem kalten Abend ein kleines Kaninchen im Schnee. Es zitterte. Der Kiepenkerl sah es, brach ein Stück von seinem Brot ab und legte es neben sich auf den Stein. „Na, Kleiner“, sagte er. „Auch so hungrig?“ Das Kaninchen kam näher. Ganz vorsichtig, Schritt für Schritt. Und dann fraß es das Brot, und der Kiepenkerl lachte leise.

Von da an trafen sie sich jeden Winter. Der Kiepenkerl teilte sein Brot, und er erzählte. Von den Menschen in der Stadt und auf den Höfen. Von der Bäckerin, die so gern einmal das Meer sehen wollte. Von dem alten Schmied, der seit dem Tod seiner Frau nicht mehr pfiff. Von den Kindern, die auf Schnee warteten.

„Woher weißt du das alles?“, fragte das Kaninchen einmal.

„Ich höre zu“, sagte der Kiepenkerl. „Die Leute sagen dir nicht, was sie sich wünschen. Aber wenn du gut zuhörst, dann hörst du es trotzdem.“

„Und dann?“

„Dann bringe ich ihnen etwas mit. Nichts Großes. Ein Band für die Bäckerin, so blau wie das Meer. Eine Pfeife für den Schmied. Manchmal ist eine Kleinigkeit genau das Richtige.“ Er klopfte auf seine Kiepe. „Da drin ist mehr als Garn und Knöpfe, weißt du. Da drin ist ein bisschen Freude.“

So ging es viele Winter lang. Das Kaninchen wurde größer, der Bart des Kiepenkerls wurde weißer, und sein Rücken wurde krummer unter der schweren Kiepe. In einem Winter war er sehr still. Er saß lange auf dem Stein und schaute in den Schnee.

„Bist du traurig?“, fragte das Kaninchen.

„Nein“, sagte der Kiepenkerl. „Nur müde. Meine Beine wollen nicht mehr so wie früher.“ Er strich dem Kaninchen über die Ohren. „Versprich mir etwas, Kleiner. Wenn ich einmal nicht mehr komme, dann hör du für mich weiter zu. Die Stadt braucht jemanden, der zuhört.“

„Aber ich bin doch nur ein Kaninchen.“

Der Kiepenkerl lächelte. „Eben drum. Dich sieht keiner. Du kommst überall hin.“

Im nächsten Winter wartete das Kaninchen am Ludgeritor. Es wartete am ersten Abend und am zweiten. Es wartete die ganze Woche. Der Kiepenkerl kam nicht.

Aber am achten Abend, als die Glocken von Sankt Ludgeri läuteten, lag etwas auf dem großen Stein: ein blauer Kittel, ordentlich zusammengelegt, ein rotes Halstuch und eine Kiepe. Eine ganz kleine Kiepe, gerade groß genug für ein Kaninchen. Daneben ein Stück Brot.

Das Kaninchen saß lange davor. Dann zog es den Kittel an. Er war viel zu groß, und es musste die Ärmel dreimal umschlagen. Es band sich das Halstuch um und nahm die Kiepe auf den Rücken. Und es wusste, was zu tun war.

Nur eines fehlte noch. Im Dezember wird es auf der Promenade früh dunkel, und wer abends durch die Stadt will, braucht Licht. An einem Zaun lehnte ein altes Hollandrad, das schon lange niemand mehr fuhr. Vorn daran hing eine Lampe, rund und messingfarben. Das Kaninchen schraubte sie vorsichtig ab und setzte sie sich an die Mütze. Klick. Ein kleines goldenes Licht.

Als es so zurück zur Promenade kam, im blauen Kittel, mit Kiepe und Lampe, da staunten die anderen Kaninchen. „Seht mal!“, rief eines. „Da kommt einer mit einer Lampe!“ Und ein anderes sagte: „Lampe … Lampe … Lampert!“ Von da an hieß es so. Lampert.

Seitdem ist Lampert im Advent unterwegs. Er hört zu, so wie es ihm der Kiepenkerl beigebracht hat, und er bringt den Menschen kleine Dinge, genau die richtigen. Der Weihnachtsmann hat es in Münster nämlich schwer: Ein Schlitten passt nicht durch die Pättkes, und auf dem Prinzipalmarkt findet kein Rentier einen Parkplatz. Lampert kennt jeden Weg, ist klein genug, dass ihn niemand bemerkt, und schneller als jede Leeze.

Und wenn ihr im Dezember abends über die Promenade geht und zwischen den Bäumen ein kleines goldenes Licht seht, dann wisst ihr jetzt, wer das ist.

Die Geschichte haben wir uns ausgedacht. Die Kiepenkerle und die Kaninchen auf der Promenade gibt es wirklich.

Lamperts Abenteuer

Was erlebt Lampert bis Weihnachten? Zwölf Abenteuer: das erste gleich jetzt, dann vom 8. November an jeden Sonntag eines, im Advent auch mittwochs, das letzte an Heiligabend. Zum Vorlesen oder als Hörspiel, jedes vier bis fünf Minuten lang, als Gute-Nacht-Geschichte für Kinder und alle, die Weihnachten mögen.

  1. Lampert verlässt im Morgengrauen seinen Bau unter den Linden der Promenade, die Lampe an der Mütze leuchtet, die Kiepe ist noch leer

    Abenteuer 1 · seit 24. Oktober

    Lampert macht sich auf den Weg

    Eines Morgens riecht es nach gebrannten Mandeln, und Lampert weiß: Es wird Zeit.

    Als Hörspiel · 4:49 Minuten

    Erzählt mit Jales Stimme, die Figuren mit weiteren Stimmen, Musik und Geräusche: alles mit KI erzeugt.

    Zum Vorlesen

    Unter der Promenade am Ludgeriplatz, dort, wo die Wurzeln der alten Linden tief in die Erde greifen, hat Lampert seinen Bau. Es ist ein gemütlicher Bau. Es gibt eine Kammer zum Schlafen, eine Kammer für Vorräte und eine kleine Nische, in der die Kiepe steht, das ganze Jahr über, und wartet.

    Im Sommer schläft Lampert lange. Im Herbst schläft er noch länger. Aber eines Morgens kitzelt ihn etwas an der Nase. Er schnuppert einmal, er schnuppert zweimal, und dann weiß er, was es ist: Es riecht nach gebrannten Mandeln. Irgendwo in der Stadt bauen sie die ersten Buden auf.

    „Dann wird es Zeit“, brummt Lampert und schiebt die Decke weg.

    Er zieht den blauen Kittel an, der ein bisschen nach Heu riecht. Er bindet das rote Halstuch, zweimal herum, weil es draußen schon kalt ist. Er schnürt die braunen Stiefel, erst links, dann rechts, denn so macht er es seit mehr als hundert Jahren. Dann holt er die Kiepe aus der Nische. Sie ist leer und leicht, und genau so soll es am Anfang sein. Zum Schluss setzt er die Mütze auf und schraubt die alte Fahrradlampe fest. Klick. Ein kleines goldenes Licht.

    Draußen sitzen die anderen Kaninchen noch im nassen Gras und knabbern. Das jüngste hoppelt ihm entgegen. Es hat noch nie einen Winter erlebt und will alles wissen.

    „Wo willst du hin?“, fragt es.

    „In die Stadt“, sagt Lampert.

    „Geschenke verteilen?“

    „Noch lange nicht. Erst einmal zuhören.“

    Das jüngste Kaninchen legt den Kopf schief. „Zuhören? Wem denn?“

    „Den Menschen“, sagt Lampert. „Das ist das Erste, was ein Weihnachtswichtel lernen muss. Er muss hören, was sich die Leute wünschen. Nicht das, was sie laut auf ihre Zettel schreiben. Das, was sie leise denken.“

    „Und wie hört man, was jemand leise denkt?“

    Lampert lächelt. „Man muss sehr klein sein“, sagt er. „Und sehr still. Und man darf es nicht eilig haben.“

    Dann hoppelt er los. Über die Pättkes, an den Fahrradständern vorbei, durch die schmalen Gassen, in denen es morgens nach Kaffee riecht. Niemand sieht ihn. Ein Kaninchen in einem blauen Kittel ist so klein, dass die Leute es für einen Schatten halten, wenn sie es überhaupt bemerken.

    An einer Haltestelle steht ein Mann mit grauem Mantel und schaut auf die Uhr. Er schaut nicht auf den Bus. Er schaut einfach nur auf die Uhr, als könnte er die Zeit damit schneller machen. „Hoffentlich schafft es meine Tochter Weihnachten nach Hause“, denkt er. „Es ist so weit, und die Züge sind so voll.“ Lampert merkt es sich.

    In einer Seitenstraße putzt eine alte Dame ihr Fenster, obwohl es schon blitzt. Rechts und links von ihr hängen in den Fenstern schon die ersten Sterne. Nur ihres ist leer. „Früher hat hier zu Weihnachten jeder geschmückt“, denkt sie. „Früher habe ich auch geschmückt.“ Lampert merkt es sich auch.

    So geht es den ganzen Tag. Lampert sitzt unter Bänken und hinter Blumenkübeln, er wartet an Bushaltestellen und vor Bäckereien, und er hört zu. Er hört kleine Wünsche und große. Einer wünscht sich Schnee. Eine wünscht sich, dass ihr Hund endlich nicht mehr an der Leine zieht. Ein Junge wünscht sich ein rotes Fahrrad und eine Frau einfach eine Nacht, in der sie durchschlafen kann.

    Am Prinzipalmarkt bleibt Lampert stehen. Es ist schon dämmrig. Die Giebel stehen dunkel nebeneinander wie große, schweigsame Leute, nur hoch oben auf Lamberti brennt ein Licht. Lampert hebt die Pfote und winkt hinauf. Niemand winkt zurück, aber das macht nichts. Er weiß, dass dort oben jemand wacht.

    Als er am Abend in seinen Bau zurückkommt, ist die Kiepe immer noch leer. Aber sein Kopf ist voll. Voller Wünsche, großer und kleiner, lauter und leiser. Das jüngste Kaninchen wartet schon vor dem Eingang.

    „Und?“, fragt es. „Hast du etwas gehört?“

    „Mehr, als in eine Kiepe passt“, sagt Lampert.

    „Und was machst du jetzt damit?“

    Lampert gähnt. „Morgen fange ich an“, sagt er. Dann legt er sich hin und schläft ein, die Lampe noch an der Mütze.

  2. Lampert hüpft über die bereiften Sättel des Fahrradmeers vor dem Bahnhof und sucht seine kleine schwarze Leeze

    Abenteuer 2 · 8. November

    Das Fahrradmeer am Bahnhof

    Tausende Räder, alle weiß vom Raureif, und irgendwo dazwischen Lamperts Leeze.

    Als Hörspiel · 4:28 Minuten

    Erzählt mit Jales Stimme, die Figuren mit weiteren Stimmen, Musik und Geräusche: alles mit KI erzeugt.

    Zum Vorlesen

    Wer schon einmal am Bahnhof in Münster war, kennt das Fahrradmeer. Tausende Räder stehen dort, Lenker an Lenker, Pedal an Pedal, so dicht, dass man von oben kaum noch den Boden sieht. Und irgendwo in diesem Meer steht an einem frostigen Novembermorgen Lamperts Leeze.

    Er hatte sie am Abend vorher dort abgestellt. Er wollte den Zügen zuhören, denn an Bahnhöfen hört man viele Wünsche: Menschen, die wegfahren, und Menschen, die auf jemanden warten. Und jetzt ist die Leeze weg. Nicht gestohlen, nur verschwunden zwischen all den anderen. Über Nacht hat sich Raureif auf die Sättel gelegt, und alle Räder sehen gleich aus: weiß und glitzernd und fremd.

    „Klein und schwarz“, murmelt Lampert. „Mit einem Korb vorn.“

    Er klettert auf den ersten Sattel. Von dort auf einen Gepäckträger. Von dort auf einen Lenker. So hüpft er durch das Fahrradmeer wie über Steine in einem Bach, und von oben sieht er Körbe und Klingeln und Kindersitze, aber keine kleine schwarze Leeze.

    Auf halbem Weg entdeckt er etwas anderes. An einem Lenker hängt ein Handschuh, ein ganz kleiner, rot und gestrickt, mit einem Daumen, an dem ein Faden aufgeht. Jemand hat ihn verloren, und jemand anderes hat ihn freundlich an den Lenker gesteckt, damit er gefunden wird. Aber der Lenker steht mitten im Meer, und kein Kind wird ihn hier je entdecken.

    Lampert nimmt den Handschuh und steckt ihn in die Kiepe. „Dich bringe ich nach vorn“, sagt er.

    Da hört er Schritte. Ein Mann im grauen Mantel geht am Rand des Fahrradmeers entlang und schaut auf die große Tafel mit den Zügen. Lampert kennt ihn. Es ist der Mann von der Haltestelle, der so oft auf die Uhr schaut.

    „Heiligabend, kurz nach acht“, sagt der Mann leise zu sich selbst. „Wenn alles gut geht.“ Er tippt etwas in sein Telefon und lächelt dabei ein bisschen, und dann sieht er wieder ernst aus. „Wenn alles gut geht“, sagt er noch einmal.

    Lampert merkt sich die Zeit. Heiligabend, kurz nach acht. Es ist eine gute Sache, so etwas zu wissen.

    Dann sucht er weiter. Er sucht zwischen den blauen Rädern und zwischen den grünen, er sucht bei den Lastenrädern und bei den alten Hollandrädern, die so aussehen wie die, von denen seine Lampe stammt. Die Sonne kommt heraus, und der Raureif fängt an zu tropfen. Eine Taube landet neben ihm und guckt, als wollte sie fragen, was ein Kaninchen hier oben zu suchen hat.

    „Meine Leeze“, sagt Lampert. „Klein und schwarz. Mit einem Korb.“

    Die Taube sagt nichts. Tauben sagen fast nie etwas. Aber sie fliegt auf und landet ein Stück weiter, und dann noch ein Stück weiter, und Lampert hüpft ihr nach, ohne recht zu wissen warum. Ganz am Ende einer Reihe, eingeklemmt zwischen zwei großen Rädern, steht etwas Kleines, Schwarzes mit einem Korb vorn.

    „Da bist du ja“, sagt Lampert und streicht über den Lenker, als wäre die Leeze ein Pferd.

    Bevor er losfährt, schiebt er sie noch einmal zum Eingang des Bahnhofs. Dort, wo morgens die meisten Kinder mit ihren Eltern vorbeigehen, steht ein Pfosten mit einem Schild. Lampert klettert hinauf und hängt den roten Handschuh oben an die Spitze, so dass man ihn von weitem sieht.

    Dann fährt er nach Hause. Die Klingel bimmelt bei jeder Bodenwelle.

    Am Nachmittag kommt eine Frau mit einem kleinen Jungen an dem Pfosten vorbei. Der Junge bleibt stehen und zeigt nach oben. „Mama! Mein Handschuh!“ Die Mutter holt ihn herunter und dreht ihn verwundert in der Hand. „Wer hat den denn da oben aufgehängt?“, fragt sie. „Das muss ja ein Riese gewesen sein.“

    Der Junge schüttelt den Kopf. Er hat auf dem Boden unter dem Pfosten etwas entdeckt, was seiner Mutter nicht auffällt: ganz kleine Stiefelabdrücke im letzten Rest Raureif.

    „Kein Riese“, sagt er. „Jemand ganz Kleines.“

  3. Lamperts kleines goldenes Licht führt einen jungen Mann mit Schal durch den nebligen Schlossgarten

    Abenteuer 3 · 15. November

    Nebel im Schlossgarten

    Im Schlossgarten ist der Nebel so dick, dass man die eigenen Füße nicht mehr sieht.

    Als Hörspiel · 4:42 Minuten

    Erzählt mit Jales Stimme, die Figuren mit weiteren Stimmen, Musik und Geräusche: alles mit KI erzeugt.

    Zum Vorlesen

    Mitte November kommt der Nebel nach Münster. Er kriecht abends über den Aasee und die Promenade, er legt sich in die Gassen, und im Schlossgarten wird er so dick, dass man die eigenen Füße kaum noch sieht. Für die meisten Menschen ist das ungemütlich. Für Lampert ist es das schönste Wetter der Welt, denn im Nebel kann er gehen, wohin er will, und niemand bemerkt ihn.

    An diesem Abend geht er in den Schlossgarten. Die Bäume sind nur noch graue Schatten, und von irgendwoher tropft es. Lampert hat die Lampe an der Mütze eingeschaltet, und sie malt einen kleinen goldenen Kreis in den Nebel, gerade so groß, dass er seine Stiefel sieht.

    Hinter dem großen Schloss, in dem tagsüber die Studenten ein und aus gehen, hört er jemanden. Es ist ein leises Geräusch, ein bisschen wie Schniefen und ein bisschen wie Seufzen. Lampert geht näher. Auf einer Bank sitzt ein junger Mann mit einem dicken Schal und einem Stapel Bücher auf dem Schoß, und er sieht in den Nebel, als könnte er dahinter etwas erkennen.

    „Weihnachten allein“, sagt der junge Mann zu niemandem. „Na toll.“

    Lampert setzt sich hinter die Bank und hört zu. Und wie er so zuhört, erfährt er alles. Der junge Mann ist Student. Er kommt von sehr weit her, von so weit, dass eine Fahrt nach Hause mehr kostet, als er für den ganzen Winter hat. Seine Familie wird Weihnachten ohne ihn feiern, und er wird Weihnachten in seinem kleinen Zimmer sitzen, in einer kleinen Straße, wo er noch niemanden kennt.

    „Ich kenne nicht einmal meine Nachbarn“, sagt der Student. „Nur die alte Dame gegenüber. Und die guckt immer so traurig aus dem Fenster.“

    Lampert stellt die Ohren auf. Eine alte Dame, die traurig aus dem Fenster guckt? Er kennt eine alte Dame, die das tut. Er merkt sich das gut.

    Da steht der Student auf, klemmt die Bücher unter den Arm und will gehen, und genau in diesem Moment merkt er, dass er nicht mehr weiß, wo er ist. Der Nebel ist so dicht geworden, dass alle Wege gleich aussehen. Er geht ein paar Schritte nach links, dann ein paar nach rechts, dann bleibt er stehen.

    „Auch das noch“, sagt er.

    Lampert weiß, dass er sich nicht zeigen darf. Das ist die wichtigste Regel für Wichtel, wichtiger als alle anderen. Aber von einer Lampe steht nichts in den Regeln.

    Also hoppelt er ein Stück voraus, dreht sich um und lässt das kleine goldene Licht einmal hin und her wandern. Der Student bleibt stehen. Er reibt sich die Augen. Das Licht wandert wieder hin und her, wie ein Glühwürmchen, das im November eigentlich gar nicht mehr unterwegs sein dürfte.

    „Hallo?“, ruft der Student.

    Niemand antwortet. Aber das Licht schwebt ein Stück weiter und wartet. Und weil der Student nicht weiß, was er sonst tun soll, geht er hinterher.

    So gehen sie durch den Schlossgarten, das Licht vorneweg, der Student hinterher, über einen Weg, an einer Brücke vorbei, unter tropfenden Bäumen hindurch. Manchmal verliert der Student das Licht aus den Augen, dann bleibt es stehen, bis er wieder da ist. Einmal stolpert er über eine Wurzel und lacht dabei zum ersten Mal an diesem Abend.

    Am Tor des Schlossgartens, wo die Straßenlaternen anfangen, ist das Licht plötzlich weg. Der Student dreht sich um und sieht nur Nebel.

    „Danke“, sagt er trotzdem, in den Nebel hinein. „Wer auch immer du bist.“

    Auf dem Heimweg merkt er, dass er eine Melodie summt. Und als er in seine kleine Straße einbiegt, schaut er zum Fenster der alten Dame gegenüber hinauf. Sie sitzt dort wie jeden Abend. Diesmal hebt der Student die Hand und winkt. Die alte Dame ist so überrascht, dass sie zuerst gar nicht reagiert. Dann winkt sie zurück.

    Lampert hat das alles gesehen, von der anderen Straßenseite aus, unter einem parkenden Auto. Er nickt zufrieden.

    „Gegenüber“, murmelt er. „Das ist gut. Das ist sogar sehr gut.“

    Dann hoppelt er nach Hause, durch den Nebel, und die Lampe malt ihren kleinen goldenen Kreis vor ihm her.

  4. Lampert steht auf der Theke einer Punschbude im Rathausinnenhof, der Dampf aus dem großen Topf steigt ihm zwischen die Ohren

    Abenteuer 4 · 22. November

    Kinderpunsch im Rathausinnenhof

    Am Abend vor dem Weihnachtsmarkt fehlt dem Kinderpunsch etwas.

    Als Hörspiel · 5:03 Minuten

    Erzählt mit Jales Stimme, die Figuren mit weiteren Stimmen, Musik und Geräusche: alles mit KI erzeugt.

    Zum Vorlesen

    Am Abend bevor die Weihnachtsmärkte öffnen, ist der Innenhof des Rathauses ein ganz besonderer Ort. Die Buden stehen schon, die Lichterketten hängen, aber noch ist alles dunkel und still. Es riecht nach frischem Holz und nach Tannengrün. Ab morgen werden hier Tausende Menschen sein. Heute Abend sind nur ein paar Händler da, die letzte Dinge vorbereiten, und ein kleines Kaninchen in einem blauen Kittel.

    Lampert liebt diesen Abend. Er spaziert durch den Rathausinnenhof und schaut in jede Bude. Hier stapelt jemand Holzspielzeug. Dort hängt jemand Sterne aus Stroh auf. Und in einer Bude ganz hinten steht eine Frau mit roten Wangen vor einem großen Topf und rührt.

    Es ist eine Punschbude. Und die Frau sieht unglücklich aus.

    „Irgendetwas fehlt“, sagt sie zu ihrem Topf. Sie probiert einen Schluck mit dem Löffel und verzieht das Gesicht. „Der Glühwein ist gut. Aber der Kinderpunsch. Irgendetwas fehlt dem Kinderpunsch.“

    Sie schaut auf ein Foto, das innen an der Budenwand hängt. Darauf steht eine alte Frau an genau diesem Topf, mit einer Schürze und einem Lachen, das bis zu den Augen reicht. „Du hast ihn jedes Jahr gemacht, Oma“, sagt die Frau leise. „Vierzig Jahre lang. Und nie hast du jemandem verraten, wie. Das ist das erste Jahr ohne dich.“

    Lampert setzt sich unter die Theke und schnuppert. Es riecht nach Äpfeln und nach Traubensaft und ein bisschen nach Zimt. Es riecht schon ziemlich gut, findet er. Aber er hat eine sehr feine Nase, und wenn er ehrlich ist, hat die Frau recht. Es fehlt etwas.

    Die Frau probiert noch einmal. Sie gibt ein bisschen Zucker dazu, probiert, schüttelt den Kopf. Sie gibt eine Nelke dazu, probiert, schüttelt den Kopf. Dann klingelt ihr Telefon, und sie geht hinter die Bude, um zu telefonieren.

    Lampert sieht sich um. Niemand guckt. Er klettert auf einen Hocker, vom Hocker auf eine Kiste, von der Kiste auf die Theke. Und dann steht er vor dem großen, dampfenden Topf, und der Dampf steigt ihm zwischen die Ohren, und es ist warm und duftet.

    Er schnuppert am Dampf, lange und gründlich, so wie nur ein Kaninchen schnuppern kann. Süß, warm, fruchtig. Aber auch ein bisschen langweilig, wie ein Lied, das nur aus einem Ton besteht. Lampert überlegt. Dann öffnet er die Kiepe. Darin hat er immer ein paar Dinge, die man im Winter brauchen kann. Eine Orange, die er auf dem Markt gefunden hat. Einen einzigen Sternanis. Und ein Säckchen mit etwas, das er nur für ganz besondere Gelegenheiten aufhebt: getrocknete Apfelstückchen von einem alten Apfelbaum, den nur er kennt.

    Er legt alles nebeneinander auf die Theke, direkt neben den Topf, ordentlich in eine Reihe. Dann klettert er schnell wieder hinunter und versteckt sich.

    Die Frau kommt zurück. Sie seufzt und will gerade den Löffel nehmen, da sieht sie die kleine Reihe auf der Theke. Eine Orange. Ein Sternanis. Ein Säckchen mit Apfelstückchen. Sie schaut sich um, aber da ist niemand.

    „Oma?“, flüstert sie, halb im Scherz.

    Dann reibt sie ein bisschen Orangenschale in den Topf, legt den Sternanis hinein und eine Handvoll Apfelstückchen. Sie rührt dreimal um. Sie probiert.

    Dann bleibt sie ganz still stehen.

    Sie probiert noch einmal. Sie riecht am Topf. Sie probiert ein drittes Mal.

    „Das gibt es doch nicht“, sagt sie leise. „Das ist er. Genau so hat er bei Oma geschmeckt.“ Sie muss sich kurz an die Theke lehnen, und ihre Augen werden feucht, aber sie lächelt dabei.

    Sie schaut auf die Theke. Da ist ein kleiner, feuchter Abdruck, wie von einem sehr kleinen Stiefel.

    Die Frau sagt nichts. Aber sie lächelt. Sie nimmt ein Stück Kreide und schreibt auf die Tafel an ihrer Bude: „Kinderpunsch, nach Geheimrezept.“

    Am nächsten Tag öffnet der Markt, und an ihrer Bude stehen die Kinder Schlange. Die Frau verkauft so viel Kinderpunsch wie noch nie. Und jedes Mal, wenn ein Kind fragt, was denn das Geheimnis sei, beugt sie sich herunter und flüstert: „Das weiß ich selbst nicht so genau. Ich glaube, es war ein Wichtel.“

    Die meisten Kinder lachen. Aber eines nickt sehr ernst. Es ist der Junge mit dem roten Handschuh.

  5. Lampert schiebt seine kleine schwarze Leeze mit einem Tannenbaum auf dem Gepäckträger unter den Bögen des Prinzipalmarkts

    Abenteuer 5 · 1. Advent, 29. November

    Ein Tannenbaum auf der Leeze

    Wie bringt ein Kaninchen einen Tannenbaum quer durch Münster?

    Als Hörspiel · 4:40 Minuten

    Erzählt mit Jales Stimme, die Figuren mit weiteren Stimmen, Musik und Geräusche: alles mit KI erzeugt.

    Zum Vorlesen

    Am Morgen vor dem ersten Advent steht vor Lamperts Bau etwas Grünes. Ein Tannenbaum in einem Topf, doppelt so groß wie Lampert selbst, und daran ein Zettel: „Für das Fenster, an dem niemand mehr schmückt.“

    Lampert reibt sich die Augen. Er sieht nach links und nach rechts, aber da ist niemand. Nur das jüngste Kaninchen sitzt im Gras und tut sehr unschuldig.

    „Hast du den gebracht?“, fragt Lampert.

    „Ich? Wie soll ich denn einen Baum tragen?“, sagt das jüngste Kaninchen und schaut in eine andere Richtung.

    Lampert weiß sofort, welches Fenster gemeint ist. Die alte Dame in der Seitenstraße. Ihr Fenster ist das einzige in der ganzen Straße ohne Licht.

    Nur: Wie bringt ein Kaninchen einen Tannenbaum quer durch Münster?

    Mit der Leeze natürlich. Lampert bindet den Baum auf den Gepäckträger. Der Baum ist schwerer, als er aussieht. Die Leeze kippt nach links, Lampert stemmt sich nach rechts. Die Leeze kippt nach rechts, Lampert stemmt sich nach links. Das jüngste Kaninchen schaut zu und muss sich die Pfote vor den Mund halten.

    „Dann eben schieben“, sagt Lampert würdevoll.

    Auf dem Prinzipalmarkt ist schon viel los. Rund um das Rathaus duften die Buden nach Zimt und Punsch, und überall stehen Leute, die nach oben in die Lichter schauen und nicht nach unten. Das ist gut so, denn deshalb sieht niemand das Kaninchen, das unter den Bögen einen Tannenbaum vorbeischiebt. Nur einmal bleibt ein kleiner Junge stehen und zeigt mit dem Finger. Er hat rote Handschuhe an.

    „Mama, da läuft ein Baum!“

    Aber als die Mutter hinsieht, ist der Baum schon um die Ecke. Der Junge schaut noch lange hinterher, und dann lächelt er, als hätte er etwas verstanden, was die Großen nicht verstehen.

    Der Weg ist lang. An einer Kreuzung muss Lampert warten, weil so viele Räder vorbeifahren. An einer anderen Stelle bleibt der Baum an einer Laterne hängen, und Lampert muss ihn vorsichtig befreien, Zweig für Zweig. Als er endlich in die Seitenstraße einbiegt, ist es schon dunkel, und er ist ziemlich außer Atem.

    In der Seitenstraße ist es still. Lampert stellt den Baum vor die Tür der alten Dame. Dann nimmt er eine Kugel aus der Kiepe, eine einzige, golden, und hängt sie an den obersten Zweig. Er klingelt einmal mit der Leezenklingel und versteckt sich hinter einem Blumenkübel.

    Die Tür geht auf. Die alte Dame sieht den Baum. Sie sieht ihn lange an und sagt kein Wort. Dann bückt sie sich und versucht, ihn hochzuheben. Aber der Baum ist schwer, und ihre Arme sind nicht mehr so stark wie früher.

    Lampert hält den Atem an. Er kann ihr nicht helfen, nicht ohne sich zu zeigen.

    Da geht gegenüber eine Tür auf. Ein junger Mann mit einem dicken Schal kommt heraus, mit einer Einkaufstasche in der Hand. Es ist der Student aus dem Schlossgarten. Er sieht die alte Dame und den Baum, stellt seine Tasche ab und kommt über die Straße.

    „Darf ich?“, fragt er.

    „Wenn Sie so freundlich wären“, sagt die alte Dame.

    Gemeinsam tragen sie den Baum hinein. Durch das Fenster sieht Lampert, wie sie ihn in eine Ecke stellen, wie die alte Dame einen Karton vom Schrank holt, einen alten Karton mit einer Schnur darum, und wie sie zusammen Kugeln und Strohsterne und eine Lichterkette auspacken. Der Student hält die Lichterkette, die alte Dame hängt die Kugeln auf. Die alte Dame erzählt etwas, und der Student lacht.

    Kurze Zeit später ist ihr Fenster das hellste in der ganzen Straße.

    Lampert schiebt die leere Leeze nach Hause. Sie ist jetzt ganz leicht, und er pfeift dabei.

    Wer den Zettel an den Baum gehängt hat, hat Lampert nie herausgefunden. Das jüngste Kaninchen behauptet bis heute, es sei es nicht gewesen. Aber es hat Tannennadeln im Fell, wochenlang. Und Lampert hat da so eine Ahnung: Manche Wünsche finden ganz allein ihren Weg, wenn sie nur jemand gut genug gehört hat.

  6. Lampert springt am Ufer des Aasees zwischen Schilf und Gänsen nach einem davonfliegenden Wunschzettel

    Abenteuer 6 · 2. Dezember

    Der Wunschzettel am Aasee

    Am Aasee weht ein Sturm, und ein Wunschzettel fliegt davon.

    Als Hörspiel · 4:24 Minuten

    Erzählt mit Jales Stimme, die Figuren mit weiteren Stimmen, Musik und Geräusche: alles mit KI erzeugt.

    Zum Vorlesen

    Es ist ein windiger Dezembertag, einer von denen, an denen die Mützen von den Köpfen fliegen und die Schirme umklappen. Am Aasee biegen sich die Bäume, und auf dem Wasser tanzen kleine graue Wellen. Lampert sitzt im Schilf am Ufer und hört den Gänsen zu, die sich laut über das Wetter beschweren.

    Da kommt ein Mädchen den Weg entlang, mit einer roten Mütze, an der Hand ihres Papas. Sie hält ein Blatt Papier fest an sich gedrückt, wie etwas sehr Wertvolles.

    „Mein Wunschzettel“, sagt sie. „Den bringe ich zu Oma, und Oma schickt ihn dann weiter.“

    „Halt ihn gut fest“, sagt ihr Papa. Er hat das Telefon in der Hand und schaut immer wieder darauf. „Ich muss gleich noch einmal ins Büro, Spatz. Nur kurz.“

    „Du musst immer ins Büro“, sagt das Mädchen.

    Und genau in diesem Moment kommt eine Windböe, die größte des ganzen Tages. Sie reißt dem Mädchen das Blatt aus der Hand, wirbelt es hoch in die Luft, über den Weg, über die Wiese und dann hinaus auf das Ufer, wo es zwischen Schilf und Steinen hängen bleibt, ganz nah am Wasser.

    „Mein Wunschzettel!“, ruft das Mädchen.

    Sie will hinterher, aber ihr Papa hält sie fest. „Nicht ans Wasser, Spatz. Das Ufer ist viel zu rutschig. Bleib hier oben, ich schaue nach.“ Das Mädchen bleibt stehen und hält sich an seinem Ärmel fest.

    Der Papa beugt sich vor, aber das Ufer ist steil und matschig, und das Blatt flattert schon wieder weiter. Lampert sieht es direkt vor sich vorbeiwehen. Er überlegt nicht lange. Er springt.

    Es ist gar nicht so einfach, einen Wunschzettel bei Sturm zu fangen. Lampert springt nach links, der Zettel fliegt nach rechts. Lampert springt nach rechts, der Zettel landet auf dem Rücken einer Gans, die empört schnattert und mit den Flügeln schlägt, und der Zettel fliegt wieder auf. Zwei Enten schauen interessiert zu. Lampert rutscht im Matsch aus, rappelt sich auf, springt noch einmal mit aller Kraft und hält das Blatt fest. Zwischen den Zähnen, aber er hält es.

    Der Zettel ist ein bisschen nass an der Ecke. Lampert streicht ihn glatt, und dabei sieht er, was darauf steht. Er will es eigentlich nicht lesen, denn Wunschzettel sind privat. Aber Wichtel müssen nun einmal wissen, was sich die Menschen wünschen, und die großen Kinderbuchstaben springen ihm geradezu entgegen.

    Ganz oben steht: „Schlittschuhe laufen. Aber mit Papa.“ Darunter: „Dass Papa nicht immer arbeiten muss.“ Und ganz unten, etwas kleiner: „Dass Oma Weihnachten nicht allein ist.“

    Lampert liest den Zettel zweimal. Dann noch einmal. Die alte Dame in der Seitenstraße, denkt er. Das muss die Oma sein.

    Vom Weg her hört er das Mädchen weinen und den Papa, der sagt: „Wir schreiben einen neuen, Spatz. Ganz bestimmt.“ Aber das Mädchen weint weiter, denn ein neuer Zettel ist nicht dasselbe.

    Lampert faltet den Wunschzettel vorsichtig zusammen und steckt ihn in die Kiepe. Er weiß, dass er ihn nicht einfach zurückgeben kann, nicht ohne sich zu zeigen. Aber er kann etwas anderes tun.

    Am Abend, als das Mädchen schon im Bett liegt, steht vor der Tür ihrer Wohnung ein kleines Paket. Darin liegt der Wunschzettel, getrocknet und glattgestrichen, und daneben ein winziger Zettel, beschrieben mit sehr kleinen, sehr ordentlichen Buchstaben:

    „Angekommen. Alle drei Wünsche. L.“

    Der Papa findet das Paket, als er spät aus dem Büro kommt. Er liest den Wunschzettel. Er liest ihn ganz, auch die Zeile in der Mitte, die von ihm handelt, und er bleibt sehr lange im dunklen Flur stehen.

    Dann geht er leise ins Kinderzimmer, setzt sich ans Bett seiner Tochter und schaut ihr beim Schlafen zu. Er hat das Telefon noch in der Hand. Nach einer Weile schaltet er es aus.

  7. Lampert steckt auf dem Wochenmarkt am Dom heimlich eine Möhre in seine Kiepe

    Abenteuer 7 · Nikolaus, 6. Dezember

    Die Möhre vom Domplatz

    Samstags ist Markt am Dom, und samstags hat Lampert immer Hunger.

    Als Hörspiel · 4:28 Minuten

    Erzählt mit Jales Stimme, die Figuren mit weiteren Stimmen, Musik und Geräusche: alles mit KI erzeugt.

    Zum Vorlesen

    Samstags ist Markt am Dom, und samstags hat Lampert immer Hunger. Das liegt an den Möhren. Am Gemüsestand ganz vorn liegen sie in Bündeln, orange und mit grünem Kraut, und sie riechen nach Erde und Sommer. Lampert kann an diesem Stand nicht vorbeigehen, ohne dass ihm der Magen knurrt.

    Der Händler ist ein großer Mann mit einer Stimme, die über den ganzen Domplatz reicht. „Möhren, frisch vom Feld!“, ruft er. „Rote Bete, Pastinaken, Grünkohl! Kommen Sie, kommen Sie!“ Er lacht viel, und er schenkt den Kindern manchmal einen Apfel, wenn ihre Eltern bei ihm kaufen.

    Lampert weiß, dass man nicht einfach nimmt, was einem nicht gehört. Das hat er von dem alten Kiepenkerl gelernt, vor sehr langer Zeit. Aber eine einzige Möhre. Der Händler hat so viele. Und er schaut gerade in die andere Richtung, weil eine Frau nach Grünkohl fragt.

    Schwupps, die Möhre ist in der Kiepe.

    Lampert ist schon drei Stände weiter, da wird ihm komisch im Bauch. Nicht vom Hunger, sondern vom schlechten Gewissen. Es ist ein Gefühl, als hätte er einen Stein verschluckt. Er dreht sich um.

    Der Händler pustet in seine kalten Hände. Es ist ein sehr kalter Morgen, und er steht schon seit fünf Uhr hier. Er stampft mit den Füßen auf, um warm zu werden, und dabei sieht Lampert seine Stiefel. Sie sind alt, die Sohlen sind abgelaufen, und an einer Stelle schaut die Socke heraus. Eine graue Socke mit einem Loch.

    Lampert schaut auf die Möhre in seiner Kiepe. Dann schaut er wieder auf die Stiefel.

    Morgen ist Nikolaus, denkt er. Und dann hat er eine Idee.

    Den ganzen Nachmittag denkt er darüber nach. Von der alten Dame in der Seitenstraße weiß er, dass sie einen Korb mit Socken hat, die sie früher für ihren Mann gestrickt hat und nicht mehr braucht.

    Als er vorbeischaut, steht der Korb vor ihrer Tür, mit einem Zettel daran: „Zu verschenken.“ Lampert nimmt ein Paar dicke rote Socken heraus, rot wie sein Halstuch. Er findet, das passt.

    Am Abend, als der Markt längst abgebaut ist, schleicht Lampert durch die Stadt. Er weiß, wo der Händler wohnt, denn Wichtel wissen so etwas. Vor der Haustür steht, wie es sich in der Nacht vor Nikolaus gehört, ein Paar Stiefel. Die alten, mit dem Loch.

    Lampert öffnet die Kiepe. Er legt die dicken Wollsocken hinein. Er legt einen Lebkuchen dazu, aus seiner eigenen Vorratskammer. Und ganz oben, als Letztes, legt er die Möhre zurück. Mit einem Zettel: „Entschuldigung. L.“

    Am nächsten Morgen steht der Händler in der Tür, noch im Schlafanzug, und hält die Möhre in der Hand. Er dreht sie hin und her. Er liest den Zettel zweimal. Er zieht die Socken heraus und hält sie hoch. Dann lacht er so laut, dass die Tauben vom Dach auffliegen und die Nachbarn die Fenster öffnen.

    „Was ist denn los?“, ruft eine Nachbarin.

    „Der Nikolaus war da!“, ruft der Händler. „Und er hat mir meine eigene Möhre gebracht!“

    Am Mittwoch darauf kauft die alte Dame aus der Seitenstraße am Gemüsestand ein. Sie bezahlt ihre Möhren, und ihr Blick fällt auf die Füße des Händlers. Rote Socken, mit einem Zopfmuster am Rand, das sie sehr gut kennt. Sie hat es vor vielen Jahren selbst gestrickt, Masche für Masche, für ihren Mann. Sie sagt nichts. Aber auf dem ganzen Heimweg lächelt sie.

    Am Samstag darauf liegt am Gemüsestand ganz vorn eine einzelne Möhre, ein bisschen abseits von den anderen, die schönste von allen. Daneben ein kleines Schild in großer, krakeliger Schrift: „Für L. Geschenkt.“

    Lampert nimmt sie, diesmal ohne schlechtes Gewissen. Und als er sich umdreht, zwinkert der Händler ihm zu. Dabei kann er doch eigentlich gar nicht sehen, wer da so klein und so schnell zwischen den Ständen verschwindet.

    Er trägt übrigens rote Socken. Und neue Stiefel, ganz ohne Loch.

  8. Lampert knetet von oben bis unten mehlbestäubt Stollenteig in einer Backstube, der Bäcker schläft am Ofen

    Abenteuer 8 · 9. Dezember

    Mehl an den Stiefeln

    Um drei Uhr nachts brennt in der Backstube Licht, und der Bäcker schafft es nicht allein.

    Als Hörspiel · 5:01 Minuten

    Erzählt mit Jales Stimme, die Figuren mit weiteren Stimmen, Musik und Geräusche: alles mit KI erzeugt.

    Zum Vorlesen

    Im Kreuzviertel gibt es eine Backstube, in der schon um drei Uhr nachts das Licht brennt. Lampert kennt sie gut. Wenn er im Advent spät nach Hause kommt, nimmt er oft den Weg durch diese Straße, weil es dort nach warmem Brot riecht und weil das Licht aus dem Fenster so schön auf das Pflaster fällt.

    In dieser Nacht aber hört er durch das Fenster etwas, was er dort noch nie gehört hat: ein lautes Gähnen. Und dann noch eins. Und dann ein Klirren, als wäre etwas heruntergefallen.

    Lampert klettert auf die Fensterbank und schaut hinein.

    In der Backstube steht ein Bäcker mit weißer Schürze, aber er sieht gar nicht aus wie ein Bäcker, der frisch und munter ist. Er sieht aus wie jemand, der sehr, sehr müde ist. Auf dem großen Tisch liegen Berge von Teig. Auf den Blechen liegen die ersten Stollen. Und auf dem Boden liegt eine Schüssel, aus der Rosinen in alle Richtungen gerollt sind.

    „Allein schaffe ich das nicht“, murmelt der Bäcker. „Der Geselle krank, die Aushilfe krank, und zweihundert Stollen bis morgen früh.“ Er schaut auf ein Bild, das mit einem Magneten am Kühlschrank hängt, gemalt mit Wachsmalstiften: ein großer Mann mit weißer Mütze und ein kleines Mädchen mit einem gelben Stern. „Und heute Nachmittag ist das Krippenspiel“, sagt er. „Sie spielt den Stern. Ich habe ihr versprochen, dass ich in der ersten Reihe sitze.“

    Er setzt sich auf einen Hocker, nur für einen Moment. Er lehnt den Kopf an die warme Ofenwand, nur für einen Moment. Und dann ist er eingeschlafen.

    Lampert schaut auf den schlafenden Bäcker. Er schaut auf die Berge von Teig. Er schaut auf die Uhr an der Wand, die schon halb vier zeigt.

    „Na gut“, sagt er und schlüpft durch den Spalt unter der Tür.

    Nun muss man wissen, dass Lampert in seinem langen Leben schon so manches gelernt hat. Er kann Körbe flechten und Socken stopfen und Fahrradlampen reparieren. Ob er backen kann, weiß er nicht genau, denn er hat es noch nie versucht. Aber er hat dem alten Kiepenkerl oft zugesehen, wenn der am Feuer Brot gebacken hat.

    Zuerst sammelt er die Rosinen auf, alle, auch die unter dem Schrank. Dann klettert er auf den Tisch und fängt an, den Teig zu kneten. Der Teig ist schwer und klebrig, und Lampert ist klein. Er drückt mit beiden Pfoten, und bald ist er von oben bis unten weiß vor Mehl, wie ein kleiner Schneemann im blauen Kittel.

    Dann muss er niesen. Ein gewaltiges Kaninchen-Niesen, das eine Mehlwolke durch die ganze Backstube schickt. Das Mehl legt sich auf den Bäcker, auf die Bleche, auf den Boden. Lampert hält erschrocken die Luft an, aber der Bäcker schläft weiter und lächelt dabei im Schlaf.

    Also macht Lampert weiter. Er formt einen Stollen und noch einen. Die ersten sind ein bisschen krumm, die nächsten werden besser. Er schiebt die Bleche in den Ofen, so wie er es beim Bäcker gesehen hat, und er holt die fertigen heraus, wenn sie goldbraun duften. Er streut Puderzucker darüber, und ein bisschen landet auf seinen Ohren.

    Als die Uhr sechs schlägt, liegen auf dem großen Tisch zweihundert Stollen. Nun ja, fast zweihundert. Einen hat Lampert probiert, nur zur Kontrolle.

    Er schleicht hinaus, gerade als der Bäcker aufwacht.

    Der Bäcker reibt sich die Augen. Er sieht die Stollen. Er zählt sie. Er zählt sie noch einmal. Dann sieht er auf den Boden. Durch das Mehl führt eine Spur von winzigen Stiefelabdrücken, quer durch die ganze Backstube, vom Tisch zum Ofen, vom Ofen zum Tisch, hundertmal hin und her, und dann zur Tür hinaus.

    Der Bäcker sagt lange nichts. Dann holt er einen kleinen Teller, legt ein Stück Stollen darauf, das allerschönste Stück, und stellt den Teller vor die Tür.

    Den Boden fegt er an diesem Morgen nicht. Er lässt die Spuren liegen, den ganzen Tag, und wenn Kunden fragen, was das für merkwürdige Abdrücke sind, sagt er nur: „Ich hatte heute Nacht Hilfe.“

    Am Nachmittag sitzt der Bäcker in der ersten Reihe. Er hat noch ein bisschen Mehl im Haar, aber er ist hellwach. Als ein kleines Mädchen mit einem gelben Stern aus Pappe auf die Bühne kommt und ihn sieht, strahlt es so, dass es den Stern gar nicht gebraucht hätte.

    Lampert schläft an diesem Tag bis zum Abend. Als er aufwacht, hat er immer noch Puderzucker auf den Ohren. Und das jüngste Kaninchen fragt, warum er nach Zimt riecht.

  9. Lampert gleitet mit ausgebreiteten Armen über eine gefrorene Pfütze am Stadthafen, eine Möwe schaut vom Poller zu

    Abenteuer 9 · 3. Advent, 13. Dezember

    Glatteis am Stadthafen

    In der Nacht hat es gefroren, und am Stadthafen glänzt eine Pfütze wie Glas.

    Als Hörspiel · 4:20 Minuten

    Erzählt mit Jales Stimme, die Figuren mit weiteren Stimmen, Musik und Geräusche: alles mit KI erzeugt.

    Zum Vorlesen

    In der Nacht hat es gefroren. Auf dem Pflaster am Stadthafen glänzen die Pfützen wie Glas, und Lampert hat eine entdeckt, mitten auf dem Platz, weit weg von der Kaimauer, die so groß ist wie ein Teich. Jedenfalls für ein Kaninchen.

    Er tippt mit dem Stiefel darauf. Es knackt nicht. Er stellt sich darauf. Es knackt immer noch nicht. Er macht einen Schritt und noch einen, und dann rutscht er, dreht sich einmal um sich selbst und landet auf dem Hosenboden. Die Kiepe klappert, die Lampe an der Mütze wackelt.

    „Hoppla“, sagt jemand.

    Auf einem Poller sitzt eine Möwe. Sie hat den Kopf schief gelegt und sieht aus, als würde sie gleich lachen. Hinter ihr ragt der alte Hafenkran in den grauen Himmel.

    „Das übe ich noch“, sagt Lampert würdevoll und steht auf.

    „Das sieht man“, sagt die Möwe.

    Lampert beachtet sie nicht. Er versucht es wieder. Diesmal rutscht er nur halb so weit, bevor er fällt. Beim dritten Mal fällt er gar nicht, aber er fuchtelt so mit den Armen, dass die Möwe sich vor Lachen fast vom Poller fallen lässt.

    „Du machst das falsch“, sagt sie, als sie sich beruhigt hat. „Du kämpfst gegen das Eis. Man muss sich vom Eis tragen lassen. So wie wir uns vom Wind tragen lassen.“ Sie breitet die Flügel aus, um es zu zeigen.

    Lampert schaut sie an. Dann breitet er die Arme aus, so wie die Möwe ihre Flügel, und stößt sich ab. Und auf einmal gleitet er. Einmal quer über die ganze Pfütze, ganz leicht, ganz still, und es ist herrlich. Er gleitet zurück und gleich noch einmal hinüber.

    „Gar nicht schlecht“, sagt die Möwe.

    Da hört Lampert hinter sich ein Schniefen. Auf einer Bank sitzt ein Mädchen mit roter Mütze, die Schlittschuhe über der Schulter. Lampert erkennt sie sofort. Es ist das Mädchen vom Aasee, das Mädchen mit dem Wunschzettel.

    „Ich wollte heute Schlittschuh laufen“, sagt sie zu niemandem. „Aber der Aasee ist nicht zugefroren. Und Papa wollte mitkommen, und jetzt muss er doch wieder arbeiten.“ Sie tritt mit dem Stiefel gegen die Bank. „Ganz oben auf meinem Wunschzettel stand es. Ganz oben.“

    Lampert schaut zu ihr hin und dann auf seine Pfütze. Zeigen darf er sich nicht, das ist die wichtigste Regel für Wichtel. Also knipst er seine Lampe an und lässt das kleine goldene Licht über das Eis tanzen, hin und her, hin und her, wie einen Funken, der spielen will.

    Das Mädchen hört auf zu schniefen. Sie steht auf und geht dem Licht nach, langsam, als hätte sie Angst, es zu verscheuchen. Und dann findet sie die glatte, glänzende Fläche, groß genug für ein Mädchen von sieben Jahren.

    Sie zieht die Schlittschuhe gar nicht erst an. Sie rutscht einfach in ihren Stiefeln los, die Arme ausgebreitet wie eine Möwe, und sie lacht. Sie fällt hin und steht wieder auf und lacht noch mehr.

    Kurz darauf kommt ein Mann mit großen Schritten um die Ecke, ein bisschen außer Atem, den Mantel offen, die Krawatte schief. Es ist ihr Papa.

    „Ich hab’s doch noch geschafft“, ruft er. „Ich habe ihnen gesagt, dass ich heute nicht kann. Dass ich eine Verabredung habe. Mit dir.“

    Das Mädchen bleibt mitten auf der Pfütze stehen. „Wirklich?“

    „Wirklich“, sagt der Papa. Und dann rutscht er neben ihr her, in seinen glatten Büroschuhen, und er ist darin viel schlechter als sie, und beide fallen fast hin, und beide lachen so laut, dass die Leute auf der anderen Seite des Hafens herüberschauen.

    Hinter dem Poller sitzt Lampert und schaut zu. Die Möwe sieht ihn an.

    „Gar nicht schlecht, Kaninchen“, sagt sie.

    „Das übe ich noch“, sagt Lampert. Aber er lächelt dabei. Ganz oben auf dem Wunschzettel, denkt er. Erledigt.

  10. Lampert hängt nachts im Licht seiner Lampe eine silberne Klingel an ein hölzernes Karussellpferd

    Abenteuer 10 · 16. Dezember

    Die Klingel vom Karussell

    Alle Pferde am Karussell bimmeln, nur eines nicht.

    Als Hörspiel · 4:24 Minuten

    Erzählt mit Jales Stimme, die Figuren mit weiteren Stimmen, Musik und Geräusche: alles mit KI erzeugt.

    Zum Vorlesen

    Auf einem der Weihnachtsmärkte steht ein altes Karussell. Es hat Holzpferde mit goldenen Mähnen, eine Kutsche mit rotem Samt und ganz vorn einen kleinen weißen Schwan, auf dem nur die Kleinsten sitzen dürfen. Und an jedem Pferd hängt eine Glocke, die bei jeder Runde bimmelt.

    Lampert mag das Karussell sehr. Wenn er abends über den Markt geht, setzt er sich oft unter die Bude gegenüber und hört dem Bimmeln zu. Es klingt wie ein Lied, das sich immer wiederholt und trotzdem nie langweilig wird.

    An diesem Abend aber stimmt etwas nicht. Das Lied hat eine Lücke.

    Lampert hört genau hin. Bimmel, bimmel, bimmel, und dann nichts, und dann wieder bimmel, bimmel. Er schaut sich die Pferde an, eins nach dem anderen, und dann sieht er es. An dem kleinsten Pferd, einem braunen mit weißen Flecken, fehlt die Glocke. Nur ein leerer Haken baumelt am Sattel.

    Vor dem Karussell steht ein Junge, den Lampert kennt. Es ist der Junge mit den roten Handschuhen, der Junge, der den laufenden Tannenbaum gesehen hat. Er hält eine Fahrkarte in der Hand, und er will unbedingt auf das braune Pferd mit den weißen Flecken. Aber als er hinaufgeklettert ist und das Karussell sich dreht, schaut er ganz enttäuscht.

    „Mein Pferd bimmelt nicht“, sagt er nach der Runde zu seiner Mutter. „Alle bimmeln, nur meins nicht.“

    „Dann nimm doch nächstes Mal ein anderes“, sagt die Mutter.

    „Ich will aber das“, sagt der Junge. „Das ist das schönste.“

    Der Karussellbesitzer hat es gehört. Er ist ein alter Mann mit einer Schiebermütze, und er schaut traurig auf den leeren Haken. „Die ist gestern abgefallen“, sagt er. „Irgendwo im Gedränge. Und so eine Glocke bekommt man heute nicht mehr. Die sind alle schon über hundert Jahre alt.“

    Lampert schaut auf den leeren Haken. Dann schaut er auf seine Leeze, die hinter der Bude steht. Vorn am Lenker hängt seine Klingel. Es ist eine sehr alte Klingel, rund und silbern, und sie klingt nicht wie eine Fahrradklingel, sondern wie ein Glöckchen. Er hat sie schon sehr lange. Er liebt sie.

    Er überlegt eine ganze Weile. Dann schraubt er sie ab.

    In der Nacht, als der Markt geschlossen ist und das Karussell unter einer Plane schläft, klettert Lampert hinauf. Unter der Plane ist es dunkel, aber seine Lampe leuchtet ihm. Er findet das braune Pferd mit den weißen Flecken. Er hängt seine Klingel an den leeren Haken und befestigt sie mit einem Stück rotem Garn, damit sie nie wieder abfällt. Zum Abschied streicht er dem Pferd einmal über die hölzerne Mähne.

    Am nächsten Tag kommt der Junge wieder. Er setzt sich auf das braune Pferd, ohne viel Hoffnung. Das Karussell fängt an, sich zu drehen. Und bei der ersten Runde, ganz leise und ganz hell, klingt es.

    Bimmel.

    Der Junge reißt die Augen auf. Bei der zweiten Runde bimmelt es wieder. Bei der dritten jubelt er so laut, dass alle anderen Kinder sich umdrehen.

    Der Karussellbesitzer kommt näher. Er schaut sich die neue Glocke an. Sie ist runder und silberner als die anderen und hängt an einem roten Faden. Er weiß nicht, wo sie herkommt. Aber er ist ein alter Mann, der schon viele Weihnachtsmärkte erlebt hat, und er beschließt, dass er es auch gar nicht wissen muss.

    Lampert fährt an diesem Abend sehr leise nach Hause. Seine Leeze hat keine Klingel mehr, und wenn er über eine Bodenwelle fährt, bimmelt nichts. Das ist ungewohnt.

    „Wo ist denn deine Klingel?“, fragt das jüngste Kaninchen, als er ankommt.

    „Die hat jetzt einen besseren Platz“, sagt Lampert.

    Und wenn man abends auf dem Weihnachtsmarkt ganz genau hinhört, dann hört man zwischen all den anderen Glocken eine, die ein bisschen heller klingt. Die klingt ein bisschen wie eine Fahrradklingel. Und ein bisschen wie Lampert.

  11. Lampert hält oben auf dem Lambertiturm zusammen mit der Türmerin das Horn, unter ihnen die verschneite Stadt

    Abenteuer 11 · 4. Advent, 20. Dezember

    Ein Ton vom Lambertiturm

    Wie es wohl oben auf Lamberti aussieht?

    Als Hörspiel · 4:35 Minuten

    Erzählt mit Jales Stimme, die Figuren mit weiteren Stimmen, Musik und Geräusche: alles mit KI erzeugt.

    Zum Vorlesen

    Abends, wenn es in Münster dunkel ist, bläst oben auf Lamberti die Türmerin ihr Horn. Lampert hört es fast jeden Abend in seinem Bau. Es ist ein langer, tiefer Ton, der über alle Dächer bis zur Promenade reicht, und jedes Mal, wenn er ihn hört, denkt er: Wie es wohl da oben aussieht?

    Am vierten Advent will er es wissen.

    Er schleicht in den Turm, durch eine Tür, die nur für einen Spalt offen steht, und nimmt die Treppe. Die Treppe ist eng und windet sich immer rundherum, nach oben, nach oben, nach oben. Es sind sehr viele Stufen für ein Kaninchen. Nach hundert Stufen keucht Lampert. Nach zweihundert setzt er sich hin und muss eine Weile verschnaufen. Er zählt die Stufen, die noch kommen, und hört auf zu zählen, weil es zu viele sind. Nach dreihundert ist er oben.

    Ganz oben ist eine kleine Stube mit einem Fenster in jede Richtung. Und dort steht die Türmerin mit ihrem Horn und dreht sich um, weil sie ein kleines goldenes Licht die Treppe heraufkommen sieht.

    Lampert erstarrt. Er hat sich gezeigt. Das darf ein Wichtel nicht.

    Aber die Türmerin erschrickt nicht. „Na sieh mal einer an“, sagt sie leise. Sie wundert sich kein bisschen. Wer so viele Nächte über einer Stadt wacht, hat schon Merkwürdigeres gesehen. „Du bist also das Licht, das ich nachts über die Promenade wandern sehe. Ich habe mich schon lange gefragt, wer das ist.“

    „Lampert“, sagt Lampert. „Ich heiße Lampert.“

    „Das dachte ich mir fast“, sagt die Türmerin. „Wegen der Lampe.“

    Sie setzt ihn aufs Fensterbrett, und da liegt Münster unter ihnen. Lampert hält den Atem an. Er kennt jede Gasse in dieser Stadt, aber so hat er sie noch nie gesehen. Die Buden auf dem Prinzipalmarkt sind kleine leuchtende Streifen. Die Giebel tragen Lichterketten. In den Fenstern hängen Sterne, in unzähligen Fenstern, und alles glitzert, als hätte jemand einen Sack voller Funken über die Stadt ausgeschüttet.

    „Da“, sagt Lampert und zeigt auf ein Fenster in einer Seitenstraße, ganz hell, mit einem Tannenbaum darin. „Das war ich. Also, fast.“

    „Ich weiß“, sagt die Türmerin. „Ich habe ein Licht mit einem Baum durch die Stadt laufen sehen.“

    Lampert zeigt auf den Stadthafen, auf den Domplatz, auf eine Ecke im Kreuzviertel. Er erzählt von der Möwe und vom Gemüsehändler, von den Stollen und vom Karussell. Die Türmerin hört zu und nickt, und manchmal lacht sie leise.

    „Weißt du“, sagt sie schließlich, „ich bin hier oben, um aufzupassen. Früher hat der Türmer nach Feuer Ausschau gehalten. Heute passe ich auf, dass die Stadt gut schläft. Aber ich habe nie gedacht, dass da unten noch jemand ist, der aufpasst. Jemand, der sich um die kleinen Dinge kümmert.“

    Lampert wird ein bisschen verlegen. Er wischt sich mit der Pfote über die Nase.

    Dann reicht ihm die Türmerin das Horn. „Willst du mal?“

    Lampert holt tief Luft und bläst. Heraus kommt ein Ton wie ein Quietschen, wie eine Tür, die geölt werden müsste. Unten auf dem Markt drehen sich ein paar Leute um und schauen nach oben.

    Die Türmerin lacht nicht. Sie stellt sich neben ihn, und sie halten das Horn zusammen. „Nicht pusten“, sagt sie. „Summen. Ganz tief, hier unten im Bauch. Und dann ganz langsam.“

    Lampert summt, ganz tief im Bauch, und beim zweiten Mal klingt es. Ein bisschen schief, ein bisschen zu lang, aber es klingt. Der Ton fliegt über alle Dächer, über den Markt, über die Seitenstraße mit dem hellen Fenster, über den Stadthafen und das Kreuzviertel, bis zur Promenade, wo die anderen Kaninchen im Gras die Ohren aufstellen.

    „Das war gut“, sagt die Türmerin.

    „Das übe ich noch“, sagt Lampert. Aber er strahlt.

    Wer an diesem Abend auf dem Prinzipalmarkt stand, hat sich vielleicht gewundert, warum das Horn vom Turm einmal so anders klang. Jetzt wisst ihr es.

  12. Lampert sitzt an Heiligabend auf einem Giebeldach am Prinzipalmarkt, unter ihm leuchten die Fenster

    Abenteuer 12 · Heiligabend

    Das Licht über den Dächern

    An Heiligabend ist Lamperts Kiepe so voll wie noch nie.

    Als Hörspiel · 4:33 Minuten

    Erzählt mit Jales Stimme, die Figuren mit weiteren Stimmen, Musik und Geräusche: alles mit KI erzeugt.

    Zum Vorlesen

    An Heiligabend ist Lamperts Kiepe so voll wie noch nie. Darin liegen keine großen Pakete. Darin liegen all die Wünsche, die er im Advent gehört hat, und für jeden hat er eine Kleinigkeit gefunden.

    Als es dunkel wird, klettert er auf die Dächer. Von Giebel zu Giebel geht es, über Regenrinnen und Schornsteine, und unten in der Stadt sehen die Leute ein kleines goldenes Licht über die Dächer wandern. „Schau mal, eine Sternschnuppe“, sagt ein Kind. „Die fliegt aber langsam“, sagt sein Vater.

    Seine erste Station ist der Bahnhof. Es ist kurz nach acht. Lampert sitzt auf dem Dach gegenüber und schaut auf das Gleis, und er macht sich ein bisschen Sorgen, denn die Züge sind an Heiligabend oft voll und manchmal zu spät. Aber dann fährt einer ein, und eine junge Frau mit einem großen Rucksack steigt aus. Ein Mann im grauen Mantel läuft ihr entgegen, derselbe Mann, der im Herbst an der Haltestelle so oft auf die Uhr geschaut hat. Diesmal schaut er nicht auf die Uhr. Er schaut nur auf seine Tochter. Lampert lässt vom Dach eine Schneeflocke aus Papier fallen. Sie landet genau auf dem Rucksack, und keiner der beiden bemerkt sie.

    Seine zweite Station ist die Backstube im Kreuzviertel. Sie ist geschlossen, alles ist dunkel, aber vor der Tür steht ein kleiner Teller mit einem Stück Stollen. Daneben liegt ein Zettel: „Frohe Weihnachten, Helfer.“ Lampert nimmt den Stollen und legt dafür eine Ähre aus Stroh auf den Teller, die er selbst geflochten hat.

    Beim Gemüsehändler legt er eine Möhre auf die Fußmatte. Eine aus Schokolade, in goldenes Papier gewickelt.

    An der Punschbude im Rathausinnenhof, die schon zu ist, hängt er einen kleinen Beutel Sternanis an den Haken. Beim Karussell, das unter seiner Plane schläft, schaut er nur kurz unter die Plane. Die Klingel hängt noch da, am roten Faden. Er lässt sie einmal ganz leise bimmeln, nur für sich.

    Und dann kommt die Seitenstraße.

    Er setzt sich auf das Dach gegenüber dem hellen Fenster und schaut hinein. Dort sitzt die alte Dame an einem großen Tisch, und sie ist nicht allein. Neben ihr sitzt das Mädchen mit der roten Mütze, die Mütze hat sie auch drinnen auf. Daneben sitzt ihr Papa, ohne Telefon. Und auf der anderen Seite des Tisches sitzt der Student mit dem dicken Schal, der Weihnachten eigentlich allein hätte feiern müssen, und erzählt etwas, und alle lachen. In der Ecke steht der kleine Tannenbaum mit der goldenen Kugel ganz oben.

    „Dass Oma Weihnachten nicht allein ist“, flüstert Lampert. „Erledigt.“

    Er klettert hinunter und hängt eine zweite goldene Kugel an die Haustür, damit die erste nicht so allein ist. Und an die Tür hängt er noch etwas für das Mädchen: eine kleine Möwe aus Holz.

    Kurz vor Mitternacht sitzt Lampert auf dem höchsten Giebel am Prinzipalmarkt. Die Kiepe ist leer und leicht, genau wie am Anfang. Unten werden die Fenster nach und nach dunkel. Es fängt an zu schneien, ganz fein. Von Lamberti kommt ein Ton, so leise, dass ihn vielleicht nur Lampert hört, und er ist sich ganz sicher, dass er diesmal nur für ihn ist. Er hebt die Pfote und winkt hinauf. Diesmal winkt jemand zurück.

    Dann geht er nach Hause, durch den Schnee auf der Promenade, zu seinem Bau unter den Linden. Das jüngste Kaninchen schläft schon. Vor dem Eingang liegt ein kleines Paket, und Lampert weiß nicht, wer es gebracht hat. Darin ist eine neue Fahrradklingel. Rund und silbern. Sie klingt wie ein Glöckchen.

    Lampert zieht die Stiefel aus und hängt den Kittel an den Haken. Er stellt die leere Kiepe in ihre Nische. Zum Schluss schraubt er die Lampe von der Mütze. Klick. Das kleine goldene Licht geht aus.

    „Bis nächstes Jahr, Münster“, flüstert Lampert. Dann schläft er ein und schläft und schläft, bis es eines Morgens wieder nach gebrannten Mandeln riecht.

So erkennen Sie ihn

Lampert steht und winkt: blauer Kittel, rotes Halstuch, Schirmmütze mit Fahrradlampe, Kiepe mit Geschenken, braune Schnürstiefel
  • Die Lampe an der Mütze: eine alte Hollandrad-Lampe. Nachts sieht man oft nur ihr kleines goldenes Licht.
  • Kittel, Halstuch und Kiepe: blau, rot und voller Geschenke, wie bei den Kiepenkerlen früher.
  • Kleine Schnürstiefel: deshalb findet man Stiefelspuren im Schnee und keine Pfotenabdrücke.
  • Ein Ohr knickt ab. Das andere hört dafür umso besser.

In seinem Namen steckt dreimal etwas Passendes: die Lampe an seiner Mütze, Meister Lampe, wie der Hase in den alten Tierfabeln heißt, und Lambert, wie Lamberti und das Lambertusfest mit seinen Laternen.

Wer genau hinschaut, findet seine Spuren: kleine Stiefelabdrücke im Schnee, ein Licht, das um die Ecke huscht, eine angeknabberte Möhre auf der Fensterbank.

Wo ist Lampert heute?

Bis Weihnachten versteckt sich Lampert jeden Tag woanders auf unseren Weihnachtsseiten: mal lugt er über den Rand eines Bildes, mal winkt er aus einer Ecke, und manchmal hängt danach ein Bild schief. Wer ihn findet und antippt, bekommt einen Spruch von ihm.

Durch die kleine Tür

Klein genug, dass ihn niemand bemerkt: Lampert kommt auch durch Türen, die kaum höher sind als ein Bilderrahmen. Nachts holt er dort Wunschzettel ab und lässt kleine Stiefelspuren zurück.

Lampert mit Kiepe und einem Brief in der Pfote vor einer kleinen Holztür in einer Wand voller Bilderrahmen, auf dem Holzboden kleine Stiefelabdrücke

Lampert zum Ausmalen

Fünf Malvorlagen zu Lamperts Abenteuern, von ganz einfach für die Kleinen bis fein für Geübte. Zum Ausdrucken auf DIN A4, das Bild in der Mitte ist quadratisch.

PDF, DIN A4 hoch, alle fünf in einer Datei, 1,4 MB

Malaktion vom 2. November bis 27. Dezember: Ausgemalte Bilder können mitmachen. Zu gewinnen gibt es das eigene Bild als Leuchtbild oder Wandbild. Zur Malaktion

Malaktion: Lamperts Ausmalbild

Lampert sammelt ausgemalte Bilder. Malen Sie mit Ihrem Kind, schicken Sie uns das Bild, geben Sie es im Laden ab oder werfen Sie es in unseren Briefkasten an der Ladentür. Lamperts Jury wählt drei Bilder aus, und die Gewinner bekommen ihr eigenes Bild als Leuchtbild oder Wandbild aus unserer Manufaktur.

  • Mitmachen: 2. November bis 27. Dezember 2026
  • Preise: Leuchtbild „Lumo Holz“ 21 × 21 cm, Wandbild 35 × 35 cm, Wandbild 20 × 20 cm, jeweils mit dem gemalten Bild
  • Bekanntgabe: Mittwoch, 30. Dezember 2026

Teilnahmebedingungen

  1. Veranstalter ist JALES – feine Motive, Inhaberin Jale Köhler, Windthorststraße 48, 48143 Münster, info@jales.de.
  2. Zeitraum: Montag, 2. November, bis Sonntag, 27. Dezember 2026, 23:59 Uhr.
  3. Wer mitmachen kann: alle Kinder, eine feste Altersgrenze gibt es nicht. Bei Minderjährigen läuft die Teilnahme über einen Elternteil oder eine sorgeberechtigte Person. Je Kind ein Bild. Kinder aus der Familie der Inhaberin nehmen nicht teil.
  4. So geht's: eine der Malvorlagen auf jales.de/lampert herunterladen, ausmalen und bis zum Einsendeschluss einsenden: als Foto per Nachricht an JALES – feine Motive auf Instagram oder Facebook, per Mail an info@jales.de oder als Original im Laden abgeben oder in unseren Briefkasten an der Ladentür werfen, Windthorststraße 48. Bitte Vorname und Alter des Kindes dazuschreiben.
  5. Auswahl: Lamperts Jury (Jale Köhler) wählt drei Bilder aus und schaut dabei auch aufs Alter. Es zählt die Freude am Bild, nicht die Zahl der Likes.
  6. Preise, jeweils mit dem gemalten Bild des Kindes: Platz 1 ein Leuchtbild „Lumo Holz“ (21 × 21 cm, leuchtet von hinten), Platz 2 ein Wandbild 35 × 35 cm auf Holzkeilrahmen, Platz 3 ein Wandbild 20 × 20 cm auf Holzkeilrahmen. Jedes Kind, das sein Bild im Laden abgibt, bekommt eine Lampert-Postkarte, solange der Vorrat reicht. Die Preise werden nicht in Geld ausgezahlt.
  7. Bekanntgabe am Mittwoch, 30. Dezember 2026. Die Gewinner benachrichtigen wir auf dem Weg, auf dem sie eingesendet haben. Die Preise fertigen wir danach an; abholen lassen sie sich im Laden, sobald sie fertig sind (voraussichtlich ab Mitte Januar 2027), sonst nach Absprache.
  8. Veröffentlichung: Mit der Einsendung sind die Eltern einverstanden, dass wir das Bild mit Vorname und Alter des Kindes in unseren Social-Media-Kanälen, auf jales.de und im Schaufenster zeigen. Wer Vorname und Alter nicht gezeigt haben möchte, schreibt „ohne Namen“ dazu. Wir zeigen nur das Bild, keine Fotos von Kindern. Ein Widerruf ist jederzeit per Mail an info@jales.de möglich.
  9. Datenschutz: Wir nutzen die Angaben nur für die Malaktion und löschen sie bis 28.02.2027, wenn alle Preise abgeholt sind. Mehr in der Datenschutzerklärung auf jales.de.
  10. Die Aktion steht in keiner Verbindung zu Instagram oder Facebook und wird von Meta weder gesponsert noch unterstützt oder organisiert.
  11. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Aus Lamperts Kiepe

Was Lampert durch Münster trägt, kommt aus unserer Wandbild-Manufaktur an der Windthorststraße: Münsterbilder, eigene Fotos als Wandbild und die Irisfotografie, zu Weihnachten auch als Gutschein. Und das Adventsbild, das Münster im Advent in 24 Feldern zeigt.